Von Hunden, die Hunde erziehen

In so gut wie jeder Diskussion über Hundeerziehung kommt er irgendwann, der Vergleich wie Hunde Hunde erziehen.

In diesem Eintrag habe ich es bereits angeschnitten, aber ich würde das Thema gerne noch ein bisschen genauer beleuchten.

Der Punkt der „natürlichen Hundeerziehung“ ist nachvollziehbar und sicherlich nicht auch kompletter Unsinn, allerdings müssen wir uns vor Augen führen, warum wir da an unsere Grenzen stoßen.

Erziehen Hunde überhaupt?
Ja, sie tun es – aber nicht wie Menschen Erziehung definieren. Wir nehmen das Wort nicht mehr in seiner ursprünglichen Bedeutung, es heißt nicht mehr nur „ernähren“ oder „großziehen“. Vielmehr halten wir uns an diese Definitionen:

  1. Jemandes (besonders eines Kindes) Geist und Charakter bilden und seine Entwicklung fördern
  2. Zu einem bestimmten Verhalten anleiten

Punkt 1 tun Hunde mit Sicherheit nicht, Punkt 2 vielleicht schon eher. Meiner Meinung „leiten sie selten an“, sondern zeigen, was sie nicht wollen. Auf ihre eigenen Bedürfnisse zugeschnitten. Der Hundemutter wird es herzlich egal sein, ob der Zögling später einmal artgenossenaggressiv sein wird, solange er sich ihr gegenüber gebührlich verhält. Nur das setzt sie durch; wobei es Hundemütter gibt, die durchaus so „liberal“ sind, dass sie sich vom Hundesprössling drangsalieren lassen, bis sie schlussendlich selbst das Weite suchen. Sind sie nun schlechte Hundemütter? Weil sie das aus menschlicher Sicht erklärte Erziehungsziel nicht verfolgt haben?
Genau hier liegt der Hase im Pfeffer begraben. Wie oft wird das leidige Hundemutter-Argument herangezogen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass Hunde individuell handeln und es keine allgemeingültigen Gesellschaftsnormen gibt, die ein jeder Hund gleich bewertet!
Es gibt Hundecharaktere, die lassen mehr durchgehen als andere. Das Seelchen von Hund neigt dazu sich mobben zu lassen, statt eine „klare Ansage“ zu machen, der Taktlose nimmt sich vielleicht zu wenig zurück und erkennt die Beschwichtigung (wenn man will, ist das ebenfalls Grenzsetzung) des anderen nicht.
Hier müssen die Hundemütter also gründlich versagt haben.
Diese eindimensionale Sicht verführt den Menschen dazu, allerlei „natürliche“ Hundekommunikation anzuwenden, um die „Fehler“ zu beheben. Dabei wird nicht bedacht, dass Sozialisation, Charakter, Situation und Erfahrung ausschlagende Dinge sind. Der Rowdy unter den Hunden kann durch zu viel Reglementierung vielleicht zum Rowdy geworden sein und mehr Reglementierung wird nicht zum gewünschten Ergebnis führen. Hinzu kommt, dass man einem Hund eine Menge beibringen kann, aber grundsätzliche Wesenszüge lassen sich kaum ändern. Ein grundsätzlich ruhiger, vorsichtiger Hund wird nicht zum abenteuerlustigen Draufgänger.

spielversuch1 spielversuch2
[Akuma möchte Yoma zum Spielen überreden, er lehnt ab. Akuma akzeptiert. Hat Yoma Akuma nun erzogen? Wird Akuma Yoma künftig nicht mehr zum Spielen aufforden, weil er deutlich gemacht hatte, dass er hier nicht spielen wollte?
EDIT: Nein, das ist in diesem Kontext ganz sicher keine „Dominanzgeste“ – jeglicher Körperkontakt bei Akuma ist Zeichen seines Vertrauens! Außerdem erkenne ich eine T-Stellung mit Kopfauflegen als Einleitung eines Kommentkampfes!
Ich muss betonen, dass hundliches Ausdrucksverhalten stets im Kontext und situativ bewertet werden muss.]

Der Mensch am Scheideweg
Allgemeine Hunderatgeber empfehlen Altbewährtes. Nicht grundsätzlich Falsches, aber oft wenig Zugeschnittenes und für die Situation und den Hund Angepasstes. Wir kochen zwar alle nur mit Wasser, dennoch ist es irrsinnig, bei Hunden beobachtetes Verhalten allgemeingültig auf alle Situationen zu übertragen.
Der beliebte „Körperblock“ zum Beispiel! Er wird gerne für alle Arten von Begrenzung angewandt. Er funktioniert natürlich auch bestens. Er ist ein sofort verstandenes Signal durch Körpersprache. Hunde wenden ihn häufig unter sich an. Dabei hat er aber verschiedenste Funktionen. Er wird beim Ressourcenverteidigen benutzt, beim Flirten bzw. Splitten, im Spiel oder bei der Spielaufforderung, beim Mobbing, beim Kämpfen und Rüpeln. Er ist keine Erziehungsmaßnahme, sondern lediglich ein Ausdruck momentaner Befindlichkeit des Hundes, der ihn anwendet. Der Mensch hingegen nutzt ihn, um bestimmtes Verhalten „verschwinden“ zu lassen. Natürlich versteht der Hund, wenn er einige Male mit einem Körperblock daran gehindert wird, das Badezimmer zu betreten, schließlich will er ja nicht dauernd gemaßregelt werden. Aus Sicht des Hundes werden wir wahrscheinlich unsere Ressource „Badezimmer“ verteidigen. Das ist wohl auch der Grund, warum es nur bei unserer Anwesenheit so gut klappt und warum wir diese „Regel“ so oft auffrischen müssen. Gibt natürlich einige Hunde, denen ist das Bad vielleicht weniger wichtig als anderen und sie stellen das Verhalten tatsächlich ab. Dann haben wir vielleicht sogar „erzogen“.
Der Körperblock ist per se nichts Verwerfliches, man kann ihn zum Beispiel anwenden, um seinen eigenen Hund vor Gefahren zu schützen. Nur sehe ich sehr viele Menschen, die ihn unbewusst zum Mobben ihres Hundes einsetzen und ab da wird es zur Gängelei. Da es aber Hundesprache ist, wird es nicht hinterfragt. Bello stirbt schließlich nicht davon.

Fremdsprache Hündisch
Der Mensch ist obendrein auch noch sehr schlecht im Lesen und Sprechen von Hundesprache. Er interpretiert auch gerne seiner Art entsprechend, beispielsweise das unerwünschte Markieren in der Wohnung wird als Protest des Hundes ausgelegt, Anspringen beim Begrüßen als Respektlosigkeit – obwohl es oft das Gegenteil ist -, usw.
Natürlich kann der Mensch erlernen, zu lesen und zu verstehen, vielleicht auch teilweise anzuwenden. Alleine körperlich wird es irgendwann schwierig, man denke da ans Schanzwedeln. Auch das Markieren von Hunden ist eine natürliche Grenze, die wir zwar überschreiten könnten, aber die wahrscheinlich nichts weiter bringt als Belustigung für unsere Mitmenschen.
Markierungen bedeuten nämlich nur äußert selten, dass Hunde Besitzansprüche auf Urinbesprenkeltes hegen (eher im Sinne eine Ressourcenverteidigung), sondern erfüllt vor allem soziale Funktionen, drückt aber auch Befindlichkeit aus. Außerdem ist das Markierverhalten bei Caniden sowieso noch nicht abschließend entschlüsselt.
Der Hund wird aber sicherlich den Urin eines Menschen anders bewerten als den eines Hundes.

gemeinsamesmarkieren1 gemeinsamesmarkieren2
[Gemeinsames Markieren. Keiner von beiden ist der „Chef“!]

Die „gute“, alte Rangordnung
Hund und Mensch bilden kein Rudel, also sind Rangreduktionen zumeist absolut überflüssig. Die Ordnung stellt sich in der Regel ganz von „allein“ in unserem Haushalt her. Wir geben und entziehen Privilegien und verteilen Ressourcen.
Ein Hund, dem jede Ressource zur freien Verfügung steht, wird nicht zwangsläufig zum Problemfall. Die meisten Situationen ergeben sich erst dann, wenn man Ressourcen entzieht – der Hund wird nicht verstehen, warum er nun plötzlich nicht mehr aufs Sofa darf, wenn es ihm nie beigebracht wurde. Ein Verscheuchen vom Bett wird dann vielleicht mit einem Knurren kommentiert.
Der Hund ist nicht dominant, er drückt wieder einmal nur seine Befindlichkeit aus. Was soll er auch sonst machen?
Hunde würden diese Sache entweder durch Weggehen, Ignorieren der Warnung oder (Gegen-)Bedrohen klären. Dabei wäre aber der Hund, der seine Energie nicht in einen Kampf um eine vielleicht sogar unwichtige Ressource verschwendet, wahrschenlich der souveränere, zumindest aber der klügere in dieser Situation.
Nun kann ich mir als Mensch aussuchen, ob ich mich auf einen Kampf mit meinem Hund um ein Sofa einlasse oder ob ich deeskalierend handle und dem Hund zeige, dass es sich lohnt, meinen Wünschen (hier: Das Sofa freigeben) nachzugehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Hund so unseren „Führungsanspruch“ besser annimmt als durch ein Kräftemessen.

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[Akuma bemerkt, dass Kibo den geliebten Ball geklaut hat und will ihn wieder haben. Kibo beschwichtigt und entscheidet sich für den Rückzug, da ihm der Ball nicht so wichtig ist. Dabei wurde keine Rangfolge ausgefochten! Die beiden bzw. drei lebten drei Monate zusammen und es gab einfach keinen erkennbaren Chef, der jede Ressource kontrollierte!]

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[Beim nächsten Intermezzo an einem anderen Tag sieht es ganz anders aus. Kibo befindet den Stock, den Akuma gefunden hat, als lohnenswerte Ressource und obwohl Akuma ihn links verteidigt, wählt Kibo die Konfrontantion, um an das begehrte Stück zu kommen. Akuma hat keinen weiteren Versuch mehr unternommen, den Stock zu zurückzuerobern. Da sich die Hunde kennen, dürfen sie ihre sozialen Kompetenzen auch nutzen und schulen und es „unter sich klären“.]

Schlussendlich bleibt für mich nur zu sagen, dass ich kein Hund sein will und lieber handle wie ein Mensch. Ich artikuliere und gebärde mich, damit der Hund mich versteht, ohne mich zum Pseudohund zu machen. Ich will meine Hunde fördern. Und das erreiche ich nicht durch Beschränken und Bedrohen, auch wenn sie es noch so gut verstehen sollten.

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Ein Kommentar zu “Von Hunden, die Hunde erziehen

  1. Pingback: Lesetipp: Vom Unsinn der Hundeflüsterer und Körperblocks | Willkommen in Kuskotopia

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