Silvesternacht – Albtraumnacht

[Ich wurde gebeten, ein paar Maßnahmen für den Umgang mit dem Hund an diesem Abend niederzuschreiben, und komme dem Gesuch nach ;)]

Jedes Jahr wieder erscheinen unzählige Artikel, die den richtigen Umgang mit dem Hund während des unsinnigen Verschießens von Geldes in Form von Feuerwerkskörpern und Knallern beschreiben. Ich mag Feuerwerk. Ich hätte auch weniger Probleme mit der Geldverschwendung, wenn Menschen nicht schon vor Silvester mit Knallern durch die Gegend ziehen würden und alle in ihrer Umgebng mit Gestank, Lärm und Abfall belästigten.

In den letzten Jahren haben sich viele engagierte Hundetrainer, Verhaltenstherapeuten, Biologen und Tierärzte immer wieder dafür ausgesprochen, die Angst des Hundes in dieser Nacht nicht zu ignorieren. Gegenteilig von landläufigen Meinungen, dass der Hund durch müsse und Trost die Angst verstärke.

Idealerweise arbeitet man mit dem Hund schon während des Jahres. Hilfreich sind je nach Hund eine stufenweise Desensibilsierung mittels Geräuschaufnahmen (deckt leider nur einen Teil ab), konditionierte Entspannung durch Wortsignal und Düfte, das Thundershirt und auch das Hineinclickern in Geräusche, die den Hund erschrecken. Auf Letzteres gehe ich ein bisschen genauer ein, die anderen Sachen kann man gerne online nachlesen.

Auf gar keinen Fall macht man bitte:

  • Mit dem Hund während des Spektakels hinausgehen! Selbst ein knallsicherer Hund kann sich etwas Besseres vorstellen, außerdem gelten für Hunde die gleichen Gefahren wie für Menschen. Zudem haben einige Mitbürger leider Spaß daran, Hunde zu erschrecken oder gar Schlimmeres!
  • Hunde an Silvester alleine lassen! Das ist einfach nur asozial, es bedarf keiner weiteren Begründung!

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Schöne Dinge verschlimmern das Gefühl der Angst nicht.

Was machen, wenn der Hund Unsicherheit zeigt?
Ganz klar zu unterscheiden von „richtiger“ Angst oder Panik. Hier ist das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen. Also bitte nicht mit Ignorieren oder durch die Situation zwingen alles verschlimmern. Den Hund zu einem schönen Spiel animeren, ihm Leckerlis geben, Streicheleinheiten und Körperkontakt (Oxytocin-Ausschüttung!!) gewähren, sofern er dies mag! Beruhigende Musik und Düfte können auch hier zur Stressbewältigung eingesetzt werden. Ruhige Sprache und ein gewohnter Tagesablauf geben Sicherheit. Schöne Dinge verstärken unangenehme Dinge nicht!
Ist der Hund nur etwas unsicher, kann sich auch vorsichtig an den Auslöser herangetastet werden. Ein gemeinsames Begutachten und die Souveränität des Hundehalters wirken unterstützend. Dies alleine gewährleistet aber keinen stressfreien Hund, egal wie viele „Experten“ dies suggerieren.

Am wichtigsten ist jedoch, dem sogenannten Stressgedächtnis vorzubeugen. Ein Hund, der sich im Stich gelassen fühlt, wird die Situation als schlimm abspeichern und vielleicht später schon prophylaktisch Stressanzeichen zeigen! Und das auch noch ohne mit dem Stressauslöser direkt konfrontiert sein zu müssen. Es reicht der bloße Kontext der damaligen Stresssituation aus.

Bei Angst- und Panikattacken hat man durchaus ein Problem. Höhlenbauen, alles verrammeln, all diese Tipps haben ihre Berechtigung. Eine Erklärung, warum Angst nicht durch Trost verstärkt wird, findet man hier (von Verhaltensbiologin Dr. Ute Blaschke-Berthold). Mit Trost ist keinesfalls Betüddeln oder Theatralik gemeint!

Ich persönlich habe einen deprivierten Hund, für den Silvester die Hölle ist. Ich war letztes Jahr gut gerüstet, dachte ich. Seine Angst war aber wesentlich schlimmer als erwartet und auch für mich hat sich die Nacht zum Albtraum entwickelt. Ich hätte mir fast denken können, dass es für ihn so furchtbar ist, da schon bei Gewitter und einzelnen Knallgeräuschen die Welt für ihn zusammenbricht. Ignorieren hilft da wirklich gar nichts – was soll es dem Hund, der bereits derart ängstlich ist, dass er mich kaum noch wahrnimmt, denn bringen?
Hunde orientieren sich sicherlich am Menschen, aber nur weil wir keine Angst haben, heißt das nicht, dass der Hund keine Angst hat. Die Schuldzuweisung durch „Experten“, der Halter sei an allen Problemen schuld, kann ich nicht nur nicht nachvollziehen, ich halte sie sogar für abstoßend und dem Problem nicht dienlich!
Nachdem also Höhlenbauen, die Wohnung zu Fort Knox umzugetsalten, die konditionierte Entspannung und die ruhige Atmosphäre gar nichts gebracht haben, weil die Angst einfach zu groß war, habe ich nach Silvester angefangen, in jedes gruselige Geräusch zu clickern.
Ja, der Clicker ist ein Markersignal und damit bestätigt man punktgenau Verhalten. Und dies ist auch schon der Grund, warum man damit Angst nicht verstärken kann. Angst ist ein Gefühl. Ein gut konditionierter Clicker (oder auch ein anderes Markersignal, ich nutze ja seit einigen Monaten fast exlusiv das Markerwort) ist mit positiven Emotionen verknüpft. Man kann seinen Marker auch „aufpimpen“. Wie oben erwähnt, verschlimmert etwas Angenehmes nicht das Unangenehme. Im schlechtesten Fall ändert es nichts an der Angst, allerdings erweist man sich als Unterstützung für den Hund, statt als asoziales Arschloch, dem man nicht vertrauen kann.
Die Erfolge dadurch waren ganz enorm! Einzelne Knallgeräusche werden nun ertragen, statt Flucht wählt Akuma nun immer mehr Schutz bei Frauchen, da der Click ihm einfach durch die Situation hilft. Er gibt Halt und Orientierung, macht ihn offen für andere positive Dinge (wie Leckerlis oder Lob) und hat geholfen das Verhalten „Komm zu Frauchen, wenn es irgendwo knallt“ zu etablieren. Gerade während ich diesen Eintrag niederschreibe, knallt es draußen mehrmals. Letztes Jahr noch wäre aufgeregt hin- und hergelaufen, jetzt aber liegt er auf der Couch, zeigt mir an, dass er den Knall gehört hat und kann Leckerlis annehmen. Auch will er gestreichelt werden und drückt sich an mich. Beruhigende Stimmlage wirkt sich positiv aus.
Natürlich mache ich mir nicht die Illusion, dass er Silvester ruhig verbringen wird. Allerdings kann man den Hund darauf vorbereiten.

Am Schluss vielleicht noch ein Link zur Ernährung, nicht nur für verhaltensauffällige Hunde, sondern auch für Paniker an Silvester.
Selbstverständlich gehört der Hund an ein ausbruchsicheres Geschirr oder man kombiniert Brustgeschirr und Halsband mit einer Zwischenleine. Freilauf an den kritischen Tagen sollte nicht riskiert wierden. Stresshormone brauchen Tage, bis sie abgebaut werden!

In diesem Falle tatsächlich mal seinem Bauchgefühl nachgeben (wie Thomas Riepe hier und auch hier beschreibt) und den leidenden Hund nicht in seiner Angst alleine lassen. Ist es nicht paradox, dass „natürliche Hundehalter“ sonst immer dafür plädieren (egal wie gefährlich dieses „Bauchgefühl“ auch sein mag), sich bei der Angst-Geschichte aber dagegen aussprechen?

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