Aus Feind mach Freund – was man beim Gegenkonditionieren beachten muss

Ich liebe das Gegenkonditionieren. Ich wende es ja schon reflexiv an. Und natürlich lässt der Erfolg nicht lange auf sich warten. Nur manchmal vergesse ich, dass die Motivation des Hundes, sein Gefühl und seine Erfahrungen durchaus wichtig bis ausschlaggebend sind.
Mit dem Markersignal spricht man natürlich auch die Gefühlsebene an, das werde ich nun auch nicht näher ausführen, weil ich mich sonst ständig wiederhole – aber manche Sachen lassen sich damit nicht beheben, schon gar nicht, wenn man die Motivation des Hundes nicht kennt.

Der Besen: Akumas Lieblingsfreund
Wie bereits fast alle Leser wissen, ist mein Akuma deprivationsgeschädigt und neigt zum Angstbeißen. Der aversive Umgang mit ihm in seinem Vorleben hat dies noch begünstigt. Die „Nackenbisse“ haben den ersten schweren Biss damals ausgelöst und zu knurren traute sich der Hund nicht mehr. Damit komme ich wirklich gut klar und obwohl es mich gerade am Anfang wirklich nicht selten erwischt hat, liebe ich diesen Hund. Die Abstände der (versuchten) Bisse sind auch kontinuierlich zurückgegangen. Akuma ist ein Hund, der sehr viele Rituale braucht, diese aber dann auch ausführt ohne Signal.
Beim Shapen ist das erste, das er versucht, den Gegenstand/das Lebewesen anzuschauen und sich zu mir umzuorientieren. „Zeigen & Benennen“ hat er bereits im Blut! Mit all den schönen Nebenwirkungen, die dieses tolle Werkzeug hat.

Ich bin zufrieden, ehrlich.
Im Sommer 2012, und das wurde mir auch mitgeteilt und stand im Schutzvertrag, hatte Akuma massive Probleme mit Wischbewegungen. Der Besen wurde attackiert, und er war dabei so „drin“, dass er auch an den Menschen ging, wenn man den Besen wegziehen wollte. Das war nicht lustig und auch wenn da nur 13 Kilogramm Lebendmasse auf einen losging, war das respekteinflößend genug. Er hätte sich da auch nicht herausreißen lassen, man konnte richtig beobachten, wie er in seinem Film gefangen war, ein einfaches Wegnehmen des Angstauslösers hat da nicht gereicht.
Insgesamt, wenn er über seiner Reizschwelle war, war der Hund wirklich komplett weg. Die Augen aufgerissen und ein starrer, leerer Blick (nicht auf den Auslöser gerichtet), schaumiger Speichel, ein monotones Bellen und reflexives Zuschnappen nach allem, was sich dann noch bewegt mit Verbeißen, wenn er’s erwischt hat.
Körperlich ist der Hund gesund gewesen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von seinem Deprivationssyndrom, es war auch nicht wirklich ausschlaggebend für’s Gegenkonditionieren – heute ist dieses Wissen aber hilfreich, um mit dem Hund adäquat umzugehen und seine Rückfälle bzw. Ausraster zu begreifen. Ich werde noch einmal gesondert in einem Eintrag darauf eingehen, wie sich das bei ihm äußert(e).

Auch Staubsauger oder Putzlappen in der Hand waren Feinde, sobald sie in Bewegung waren. Absolut verständlich. Ich habe, nachdem ich ein Deckentraining mit ihm absolviert hatte (was so oder so wichtig für ihn war), mit dem Schönclickern begonnen aus der Distanz. Sanfte Bewegungen, Click und hochwertige Leckerlis, zusammen mit dem Signal fürs Bettchen. Verlief tadellos. Schon einige Tage später wurde der Besen mit Hundeleberwurst dekoriert und so hat Akuma Freundschaft mit diesem Ding geschlossen. Auch der Putzlappen wurde zum Käsewürfelspender, der Staubsauger ist bis heute nur ein gedudelter Gast aus der Ferne. Das Kunststoffmonster ist ihm zu laut und ich doktere da auch nicht mehr herum, ich spare einfach den Bereich aus, in dem sich der Hund befindet. Mir genügt völlig, dass er sich eingeringelt schlafenlegen kann, während ich sauge.
Der Besen hingegen wird geliebt. Da kann ich auch um ihn herumkehren, er findet ihn klasse. Sogar zwischen den Läufen darf er sein, manchmal wird er freundlich beleckt und ich markere immer noch zwischendrin. Kommt der Besen, glänzen des Hundes Augen. Ich glaube, besser geht es nicht.
Ich möchte nämlich gar nicht, dass mein Hund sämtlichen Reizen neutral begegnet, ich habe lieber eine positive Reaktion, wenn er sich damit auseinander setzt. Der Vorteil:
Nimmt der Hund etwas als positiv wahr, kann eine negative Erfahrung nicht so stark wirken wie bei Dingen, die vorher einfach nur egal waren.

ggblog


Die Sache mit dem „weißen Ding

Umso erschütterter war ich letzte Woche. Ich wischte mit Küchenpapier das Erbrochene meines Hundes auf, Akuma stand dabei hinter mir und guckte mir zu. Urplötzlich hatte ich ihn in der Hand hängen. Und weil ich nicht damit gerechnet hatte, zog ich die Hand weg, was die Verletzung verschlimmerte.
Ich bin Akuma nicht böse. Gleich vorweg, ich kann diesem Hund immer noch vertrauen, abgeschoben wird er keinesfalls.
Dennoch war ich schockiert und durcheinander. Ich fand keine Erklärung, ich habe nicht einmal vor seiner Nase herumgewischt. Mir rasten Ideen von Ressourcenverteidigung durch den Kopf, denn leider war Akuma sogar mit seinen Fäkalien etwas eigen und hatte sie lange Zeit vor anderen Hunden verteidigt. Oder war es gar ein Trauma, das er einfach nicht ganz überwinden kann und bei dem äußerste Vorsicht geboten ist?
In Zukunft würde ich ihn einfach auf seinen Platz schicken, wenn ich wische und da er depriviert ist, sind Rückfälle hier und da vorprogrammiert. Diese Akzeptanz hat Akuma mich gelehrt.

Eigentlich hatte ich bereits einen Haken hinter die Sache gesetzt, meine Wunden habe ich versorgt, mit Antiseptikum (täglich) gesäubert und einen Verband mit Kompresse angelegt.
Ich wollte meinen Hund streicheln, etwas, was normalerweise kein Problem mehr darstellt, und plötzlich kreischt Akuma los, geifert und versucht in meine Hand zu schnappen. Da war ich sehr getroffen, mein Herz klopfte, ich kann mich genau an diesen Moment erinnern.
Was war nur los mit ihm?
Und da fiel es mir auf – der Verband war natürlich weiß! Ich habe eine schnelle Handbewegung beim versuchten Streicheln gemacht, fast wie beim Wischen. Tatsächlich ist gar nicht so sehr die Wischbewegung alleine sein größtes Problem, sondern die Kombination „Weiß + schnelle Bewegung“!
Probe auf’s Exempel, ich zog mir den dunklen Ärmel fast über die gesamte Hand und streichelte ihn ein paar Minuten später. Problemlos. Ich wechselte die Hand, die linke, unverbundene – nicht einmal Meideverhalten.
Ein bisschen Abstand und zeige ihm den Verbands-Hand und schon legt er die Ohren an.

Es ist gar nicht so interessant, herauszufinden was vorgefallen ist, damit er „weiße Dinger“ gruselig findet, aber ich habe eines sehr deutlich gelernt.
Beim Training und beim Umgang mit Hunden ist es unabdingbar zu wissen, warum der Hund so fühlt wie er fühlt. In meine Gegenkonditionierung habe ich „weiße Dinger“ nicht einbezogen, weil es mir gar nicht bewusst war oder aufgefallen ist, dass sie für ihn so schlimm sind. Zudem kommt natürlich das schlechte Generalisieren von Hunden, ein fegender Besen ist nun einmal keine wischende Hand.

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10 Kommentare zu “Aus Feind mach Freund – was man beim Gegenkonditionieren beachten muss

  1. Danke für Deinen Erfahrungsbericht. Ich halte es auch für wichtig (wenngleich ich im Vergleich einen unkomplizierten Hund habe) den Hund und seine Gefühlswelt zu verstehen.

    Ich finde es wirklich wundervoll wie toll Du Akuma helfen konntest, immer noch kannst und Deinen Wissensschatz mit anderen teilst. Ich profitiere unheimlich davon. Einfach Danke dafür!

  2. Auch bei unkomplizierten Hunden ist die Gefühlswelt des Hundes sehr, sehr wichtig! Denn nur so kann ich die richtige Belohnung für ihn finden. Ich habe ja auch einen relativ unkomplizierten Hund neben Akuma.

    Der Grund, warum ich über ihn schreibe, ist ein ganz einfacher: Bei Yoma muss ich kaum gegenkonditionieren, weil er es selten braucht. 😉

    Schön, dass ich dir damit so helfen kann, das freut mich wahnsinnig! Auch für Enno, dass er so ein fleißiges und wissbegieriges Frauchen hat!

  3. Toller Artikel!!!
    Ich denke, dass Hunde einen manchmal mit „Gruseln vor weißen, wischenden Dingern“ überraschen, weil man erst wirklich anfängt zu erkennen, was gruselt, wenn man schon einige andere Auslöser gegenkonditioniert hat.
    Wenn man also z.B. aus dem „alles was sich wischend bewegt“ die weniger gruseligen Dinge „wegkonditioniert“ hat, schälen sich die gefährlicheren Angstauslöser deutlicher heraus.
    Das sind vielleicht die, mit denen das Übel mal angefangen hat, bevor der Hund angefangen hat, auf ähnliche Reize zu generalisieren oder zu verknüpfen.

  4. Beeindruckend und lehrreich, wie du mit der Situation umgehst. Und so souverän – finde ich einfach toll! Meine Hündin Keiko hat evtl. auch eine Lernschwäche und ich merke, wie wichtig eine sensibles und kleinschrittiges Training ist und wie dankbar sie es annimmt.

  5. Vielen dank für deinen Bericht. Das sind so Dinge die ich bei Maya auch probiere.
    Komplett gegenkonditioniert haben wir noch nicht, bei der Angst vor meinem Freund, aber es wird besser und sie ist weitaus entspannter.

    Heute hatten wir das Erfolgserlebnis, wenn mein Freund sie streichelt und clickert nimmt sie sogar ein Leckerli von ihm.

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