Videos zu belohnungsbasiertem Training

Weil auf Facebook die Fage nach Videos zu Methoden ohne Strafe bzw. zum belohnungsbasierten Training aufkam – und das so oder so in jeder zweiten Diskussion als Kontraargument genutzt wird („Macht doch mal ein Video!“). Gleich vorweg: wie man einzelne Techniken/Werkzeuge aufbaut, dzu finden sich sehr viele Videos. Aber diese typischen „Vorher/Nachher-Filmbeweise“ gibt es kaum.

Die Wattebausch-Tanten und -Onkel gestalten die Situationen für Hunde so, dass sie sie bewältigen können, ergo, sie vermeiden Situationen, in denen der Hund unter Garantie versagen wird.
Dies bedeutet – selbst wenn ich filmen würde, sähe man zu 95 Prozent einen Hund, der einigermaßen entspannt ist, da der Auslöser in „weiter Ferne“ ist – besser gesagt, der Hund sich in seiner Wohlfühlzone befindet (die kann auch nur drei Meter betragen). Auch wird an der Leine gesichert, Maulkorb ist keine Schande.

Es entsteht gerne der Eindruck, dass Hunde, die Protagonisten solcher Videos wären, nicht so schlimm seien, nicht „hart“ genug, nicht „triebig“, nicht „gefährlich“. Das Geheimnis ist aber nur, den Hund eben nicht an seine Grenzen zu bringen oder gar darüber – weil es eben auch unschöne Folgen haben kann.

Dabei ist vorausschauendes Handeln und Management nötig. Mitunter sind die Konsequenzen für den Menschen – gerade dann, wenn noch keine Werkzeuge auftrainiert wurden – unangenehm. Je nach Hund bedeutet dies, ganze Wege zurücklaufen zu müssen, Wiesen zu verlassen, den Hund nicht überall mitnehmen zu können, Spaziergänge mit Bekanntschaften auszuschlagen oder abzubrechen, wenn der eigene Hund nicht mehr kann. Oder auch nächtliche Spaziergänge, weil die Umwelteize da geringer sind oder aber Fleißaufgaben, wie den Hund ruhig wegführen und dann belohnen und das solange, bis er’s verstanden hat, sofern er dies schaffen kann.

Es ist tatsächlich die größte Schwäche des belohnungsbasierten Trainings, wenn man auf gängige Strafreize wie körpersprachliches Bedrohen oder Anrempeln verzichtet. Es ist (zunächst) verdammt anstrengend und unbequem. Es erfordert eine höhere Denkleistung und mehr Geduld als eine Handlung „sauber“ durch Einschüchterung zu unterbrechen.

Nun ist meine persönliche Werkzeugkiste gut gefüllt und meine Belohnungslisten sind lange, individuell und ich ziehe ausgerüstet los und dennoch gibt es Dinge, die meine Spaziergänge torpedieren:

  • Meine Hunde und/oder ich haben schlichtweg keine Lust
  • Meinen Hunden und/oder ich geht es schlecht, haben Schmerzen, o.ä.
  • Umweltreize sind zu groß
  • Umweltbedingungen sind ungünstig
  • Stress

Usw.

Ich könnte in diesen Situationen sicherlich zur Maßregelung greifen, damit es kurzzeitig/für diesen Ausflug vielleicht klappt, aber ich riskiere, dass meine gesamte Beziehung darunter leidet. Natürlich ist dies kein Muss. Die Möglichkeit alleine reicht mir aber heutzutage aus, eben nicht so zu agieren und schlimmstenfalls ins bloße Management zurückzufallen. Da bin ich eben nicht der Hundeflüsterer, dessen Hunde „funktionieren“.
Erst gestern hat mich Yoma „blamiert“. Er war aufgedreht, ich war durch Gespräche abgelenkt, er hatte Frühlingsgefühle (= viele läufige Hündinnen, deren Duftmarken es zu erkunden galt). Ich wollte schlichtweg meine Unterhaltungen nicht jedes Mal für’s bedürfnisorientiere Belohnen „Zickzack-Laufen“ und „Zurück zur Schnüffelstelle“ unterbrechen; Yomas Aufmerksamkeit war sowieso gegen Null. Da habe ich ihn zwischenzeitlich ganz faul an die Flexileine genommen, dabei durfte er auch schnuppern, nur eben nicht mehr 50 Meter weit abdüsen.
Gegen Ende wurde er wieder abgeleint und nach einer Hundebegegnung war seine Aufmerksamkeit wesentlich besser. Dabei hat das sicherlich keine Auswirkungen auf den künftigen „Gehorsam“. Es war in diesem Moment situatives Management. Oder aber auch, das gebe ich offen zu:

Ich habe es mir einfach gemacht.

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7 Kommentare zu “Videos zu belohnungsbasiertem Training

  1. Danke für den schönen Artikel!
    Vielleicht müssen wir solche Videos einfach (noch) häufiger verlinken.
    Wie in der FB-Diskussion ja auch deutlich wurde, gibt es da ja ganz andere „Sehgewohnheiten“ – wer CM- oder MMN-, oder MR-Videos (aus dem Fernsehen oder Internet) kennt, hat eine bestimmte Erwartungshaltung, wie „Training“ aussieht. Aber Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen können sich ja ändern, wenn denn Alternativen bekannt sind, weil man sie halt auch zu sehen bekommt.

    • Das stimmt. Wenn man sich das Z&B-Video von Eva Zaugg anguckt, kann man wirklich erahnen, dass der Hund ohne entsprechendes Management und Training „durchknallt“. Müsste man halt auch irgendwie vorher Beiträge zum Thema Reizschwelle machen, obwohl das Problem bleibt: Wie zeige ich dem Zuschauer einen Hund bei Reizschwellenübertretung. Wenn ich mein Teufelchen beschreibe, wie es dabei war, sehe ich, dass mir die Leute nicht glauben – oder meinen, der ist 45 Zentimeter, das ist nicht sooooo schlimm.

  2. Tja, das Spektakuläre fehlt halt bei solchen Videos. Wobei ich es sensationell finde, wenn ein total aggessiver Hund es schafft, ruhig zu bleiben, weil die Situation entsprechend gestaltet wird und er LERNEN kann und nicht einfach nur Verhalten unterdrückt wird.
    Aber das will im Fernsehen wohl niemand sehen. Schade.

    • Dazu müssten die Menschen den Haltern glauben, dass der Hund „schlimm“ sein kann. Wenn ich diese Prämisse glaube, kann ich auch das Video gut finden. Dazu gehört, Erregungslagen von Hunden einzuschätzen.

  3. Ich glaube, die Leute würden das schon gucken – es kommt halt darauf an, wie es erzählt wird. Das das (annähernd) geht, kann man ja bei der Birga Drexel – Sendung auf Vox sehen. Da wird ja gutes Training gezeigt (solange sie nichts zu Hunden sagt 😉 ). Wenn man „vorher“-Videos dazu unbedingt braucht, finde ich das i.O. WENN:
    – Nichts provoziert wird, sondern der Hund einfach in seinen typischen Situationen von der Kamera begleitet wird. Da kann man das sehen, was der Hund und sein Halter machen. Ich finde das deshalb okay, weil, wenn es kein gescheites Training gäbe, anschließend, würde der Hund sowieso weiterhin so in den Situationen geführt werden.
    – diese Filme dann dazu genutzt werden, über Körpersprache etc. aufzuklären, erklärt wird, wie man besser mit solchen Situationen umgeht und welche Übungen man zu diesem Zweck wie aufbaut.
    – Dann wirklich gutes Training gezeigt wird und nicht Rütterhafte „und dann haben sie alleine wieder komisches, falsches Zeugs trainiert“-Filmchen, wo der Zuschauer sich dann wieder FALSCHE Abläufe angucken und unbewusst dann auch nachahmen kann…

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