Der Nordische – Mythos und Wahrheit: Allgemeines

Sträflich habe ich hier mein virtuelles Schreibzimmer vernachlässigt. Das liegt zum einen daran, dass ich die Fotografie für mich entdeckt habe und viele Stunden am PC mit den Bildern verbringe oder aber nachlese und einfach nicht zum Schreiben komme, zum anderen mein letzter Pflegling, mit dem ich mich intensiv beschäftigen musste und jetzt einfach genieße, dass meine eigenen Hunde, mit all ihren Problemen behaftet, schon sehr von alleine laufen. Ich trainiere derzeit gar nichts weiter mit ihnen und merke, dass sie weder unausgelastet noch anderweitig gelangweilt erscheinen. Wenn etwas ansteht, dann werde ich auch gezielt wieder etwas auftrainieren, momentan begnügen wir uns mit „Verhalten einfangen“, wenn überhaupt.

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akuma

Akuma hatte durch die WM-Knallereien und Gewitter einen deprivationssyndrombedingten Rückfall gehabt, weil er von Stresshormonen geradezu geflutet wurde (und er hat natürlich nicht gemerkt, dass ihm die Knallgeräusche nichts tun!) – wir mussten es also ruhig angehen lassen und ein paar Dinge auffrischen, also positive Verknüpfungen stärken, die er eigentlich bereits beherrschte.

Missverstandene, nordische Schönheit
Mein letzter Pflegling, ein Mischling aus japanischem Akita und Siberian Husky, war eine andere Herausforderung. Mit nicht einmal einem Jahr war hier sein viertes Zuhause auf Zeit, das sagt deutlich aus, dass der Hund nun nicht problemlos war. Er wurde mir mit Kettenwürger und einem Seil, das als Leine fungierte, übergeben. Dort, wo die Kette auflag, war das Grannenhaar abgewetzt und abgebrochen, Fellverfärbungen inklusive. Der doch eher zierliche Junghund war bei weitem kein Akita-Kaliber, hat aber gezogen wie ein Bulle (wesentlich mehr als mein Malamute-Pflegling, der mehr Masse mitbrachte, damals). Er hat natürlich niemals gelernt, nicht zu ziehen. Durch den Kettenwürger wurde das noch verstärkt (Strichwort „Oppositionsreflex“).

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Ich nahm ihn gleich ans Geschirr und das Ziehen war etwas abgeschwächter. Ich nannte den Kerl „Sora“, japanisch für „Himmel“ – wegen seiner wunderschönen, stahlblauen Augen. Sein verwaschenes Rot mit erkennbaren Urajiro mit dem Körperbau des Akitas, aber der Zierlichkeit eines Huskys, machten ihn zu einer wahren Augenweide.
Die sogenannten „Huskitas“ haben Hochkonjunktur und sind eine grauenvolle Mischung, obwohls ie besondere Schönheiten sind.
Im besten Falle ruhige, wesensfeste Hunde, mit weniger Bewegungsbedürfnis als das eines reinrassigen Siberian Huskys, aber der Freundlichkeit und Verträglichkeit desselben, im schlechtesten Fall hingegen ein ständig unausgelasteter Halbakita, mit Artgenossenunverträglichkeit und einem sehr schwer zu kontrollierenden Schutzverhalten und ein Hund, der einfach nicht alleine bleiben kann.

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Sora lag dabei irgendwo dazwischen. Natürlich, er war ein Junghund ohne Regeln, er hatte sein Päckchen zu tragen und er war bisher bei Menschen gelandet, die sich dieser Rassemischung nicht bewusst waren. An sich passen diese Hundetypen gut zusammen, allesamt Nordische mit eigenem Kopf. Nun ist der Akita-Kopf aber ein anderer als der Husky-Kopf. Beide verweigern sich schnell, keine Frage, aber man muss Vertreter beider Rassen einmal vor sich gehabt haben, um zu verstehen, was ich meine.
Da ich mit den Shibas gesegnet wurde, habe ich bereits eine große Toleranz und davon profitierte Sora. Mir ging seine Hibbeligkeit und seine extreme Anhänglichkeit aber, offen gestanden,  dennoch sehr schnell auf die Nerven. Das war meine Hauptbaustelle.
Das Schlitzohr war aber super intelligent – sowohl Segen wie auch Fluch. Erlernt Dinge wie ein Blitz, Positives wie Negatives.

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Trotz allem, der Hund war ein ganz besonderer. Binnen von Wochen bauten wir seine Frustrationstoleranz gemeinsam auf, Vertrauen wuchs und er hatte ein unglaubliches Potential. Vermittelt wurde er an junge Leute, die den richtigen Ehrgeiz besaßen, aber wenig Erfahrung mit den Nordischen. Zusammen mit einer kompetenten Trainerin erarbeiteten sie sich nun den Traumhund, denn er hat geschickt die Unerfahrenheit und überschwängliche Liebe für sich genutzt. Gewieft, dieser Sora, der nun passenderweise Loki heißt.

Man züchtet solche Hunde aber bitte nicht gezielt, denn ihr Potential kann auch in die andere Richtung gehen, was passiert wäre, hätte man Sora nicht aufgefangen.
Er war der anstrengenste Pflegehund bisher, den ich hatte, trotz meiner Vorliebe für bissige Hunde.
Hätte ich die Möglicheiten gehabt, hätte ich ihn aber auch gerne behalten. Er war ein Charmeur, ein Müllschlucker, ein sportlicher, aber dennoch genügsamer Begleiter (2 Stunden Spaß & Spannung waren bisweilen sogar fast zu viel für ihn), liebesbedürftig und weniger eigenständig als meine Shibas. Er wollte durchaus gefallen, erzwingen konnte man dies aber keinesfalls.

Schon bei Yoma habe ich die nötige Gelassenheit gelernt, Akuma brachte mir Geduld auf einer neuen Ebene bei. Ich habe schon lange nicht  mehr den Anspruch, perfekt erzogene Hunde zu haben. Akuma darf ruhig beim Türklingeln bellen und mir sagen, dass da jemand ist. Yoma braucht bei Freilauf keine Anweisungen von mir, meine Pfleglinge müssen nicht auf Biegen und Brechen therapiert werden.

Die nordischen Hunde müssen auch nicht überbeschäftigt werden, wie ihr Ruf fälschlicherweise vermuten lässt.
Sie wollen qualitative Beschäftigung, Bewegung und ausgedehnte Ruhephasen, sowie individuelle Zuwendung. Sie müssen nicht zu Ausdauersportlern hochtrainiert werden, um glücklich zu sein.

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