Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann: Schreckgespenst Konditionierung

Hundediskussionen sind bunt. Meist geben sich allerlei Menschen verschiedenster Schläge ein Stelldichein der Wortgefechte um Hundeerziehung. So unterschiedlich die meisten Ansätze auch sein mögen, meist schließen sich viele Richtungen gegen eine zusammen:

Die Clickertanten, die ihre Hunde zu hirnlosen Konditionierungsmaschinen degradieren. Die Wattebauschwerfer, die einzig nur dem behavoristischen Modell hinterherrennen und die das Bauchgefühl schon längst verloren haben. Die Grünschleifen, denen nicht bewusst ist, das Zwang zum Leben dazugehört und die gegen jeden Stress ein Bonbon („Leckerli“) werfen, während sie „Lalala“-singend durch den Wald tanzen.

Der Schwarze Mann
Ganz einfach ausgedrückt, ist die Konditionierung eine Form des Lernens, die mit einigen anderen Lerntheorien eng verzahnt ist. Wird einem Welpe von seiner Mutter gezeigt, welches Futter besonders genießbar ist, entscheidet der Geschmack des Hundekindes darüber, ob es diese Speise zu schätzen weiß und künftig fressen wird.
Die Grundprinzipien des Konditionierens habe ich bereits erklärt. Ein normales Maß an Konditionierung, die bei jeder Verhaltensmodifikation (sowohl operant als auch klassisch!) eine Rolle spielt, ist weder eine Gehirnwäsche noch eine roboterähnliche Programmierung („Reiz-Reaktions-Maschine“), die den Hund seiner Persönlichkeit beraubt. Man kann aus einem zurückhaltenden Typ keinen Draufgänger machen, aber z.B. kann man das Selbstbewusstsein eines Hundes stärken, damit er etwas aus sich herauskommt.

Es ist falsch, dass Hundeausbilder, die sich der Konditionierung bewusst bedienen, alle anderen Lerntheorien verneinen oder sie nicht berücksichtigen. Hundeausbilder, die sich mit dem Lebewesen Hund als solches beschäftigen, und deswegen ängstigende und unangenehme Ausbildungsmethoden ablehnen, betonen die soziale und individuelle Komponente eines jeden Hundes und achten stark auf einladende und freundliche Körperhaltung im Training. Sie gestalten die Aufgaben nach Neigungen und Fähigkeiten des jeweiligen Hundes und führen ihn gekonnt zum Erfolg. Auch wird wert auf soziale Kompetenzen gelegt und bei schwacher, geschädigter oder nicht vorhandener Kompetenz wird der Hund behutsam an diese herangeführt.
Gute Trainer verzichten hierbei auf das Lernen über Versuch & Irrtum, da gerade Hunde mit Verhaltensproblematiken dazu neigen, durch Ausführen des Fehlverhaltens diese noch einzuüben (vgl. hier).

Deswegen bedienen sich diese guten Trainer der Verhaltensmodifikation über bestimmte Quadranten der operanten Konditionierung und der Gefühlsebene auf Grundlage der klassischen Konditionierung. Es geht darum, dass der Hund sich gut fühlt und dadurch motiviert wird, Verhaltensweisen kreativ zu zeigen, für die er dann entsprechend belohnt wird – damit diese wiederholt gezeigt und verfestigt werden. Den Hund dabei verdummen zu lassen, ist nicht das Ziel. Er soll in einem förderlichen Umfeld lernen, selbst Strategien zu entwickeln und durch fehlerfreies Gestalten Erfolge spüren. Das führt im besten Falle zu einem selbstständigen, sozialkompetenten Hund, der eigene Lösungen anbietet und im Notfall auf die eingeübten, belohnten Verhaltensweisen zurückgreift. Diese trainierten Verhaltensketten sind quasi Sicherheitsnetze.

Ein Phänomen: Die Konditionierungsleugner
Diese Fraktion streitet ab, selbst zu konditionieren. Sie wollen ihr Augenmerk darauf legen, mit dem Hund so naturnah wie möglich zu kommunizieren. Dabei bedienen sie sich der eher holprigen verhundlichten Körpersprache und konzentrieren sich allzu oft auf „Verhalten tadeln“, indem sie ihrem Hund klarmachen, dass dies und jenes gerade nicht so toll war. Das erreichen sie über bedrohliche Gebärden und Laute, die sowohl klassisch wie operant konditionieren. Ohne es also zu wollen, bedienen sie sich dem Schreckgespenst der Konditionierung. Das ist auch unvermeidlich, schließlich begegnen sie einer Aktion mit einer Reaktion, um Verhalten zu ändern. Auch ein Ausbleiben von einer unangenehmen Konsequenz gehört zur operanten Konditionierung. Indem ich von außen richtungsweisend mit Konsequenzen auf einen anderen einwirke, auch sogenannte soziale Sanktionen wie Ausschluss aus der Gruppe sind lerntheoretische Strafen, ist das ein ein Teil der operanten Konditionierung: Ob bewusst oder unbewusst!
Mit Phrasen wie „Persönlichkeit statt Leckerli“, „Kommunizieren statt Konditionieren“ oder ähnlichen Konstrukten nähren sie die Angst vor der Robotisierung der Hunde durch den Menschen. Ihre Ablehnung beruht auf dem Unwissen, dem sie aufsitzen. Die Konditionierung ist ein natürlicher Prozess, der sinnvoll ist und dem niemand entkommt. Man denke nur an ein aufziehendes Gewitter, das uns dazu veranlasst, die Fenster zu schließen. Dieser Vorgang heißt Reizkontrolle und wird in der Hundeausbildung legitim genutzt, um Signale beizubringen. Aber auch in der Erziehung ohne bewusst ausgewählte Signale kommt sie täglich vor: Immer dann, wenn der Hund tut, was er soll oder lässt, was er nicht soll, nachdem man den Hund „erfolgreich über eine bestimmte Zeit erzogen hat“. Es liegt also nicht an unserer umwerfenden Ausstrahlung oder unserer konditionierungsfreien Kommunikation. Sondern an etablierten Konditionierungsprozessen, die wir unbewusst genutzt haben.

Besonders findige Trainer behaupten gar, dass die Konditionierung dem Hund die Wahl überlässt, einen Befehl zu befolgen. Dies widerspricht der eigentlichen Kritik vom hirnlos ausführenden Roboter, dessen Gehirn so gewaschen wurde, dass er keine Wahl mehr hat. Augenscheinlich meinen diese Zeitgenossen aber die Ausbildung über Leckerlis, die einen Teil der operanten Konditionierung darstellen kann. Wer belohnungsbasiertes Hundetraining mit Leckerlis gleichsetzt, dem sei dieser Artikel empfohlen.
Die Frage, die ich mir stelle, bleibt aber: Wie erreichen diese Trainer denn zuverlässigen Gehorsam?

Ich persönlich beobachte gerade, dass Hunde aus der Hand der „Kommunizierer“ bzw. der „Persönlichkeiten“, oftmals sehr gehemmt in der Zusammenarbeit mit dem Menschen wirken.  Hunde, die kaum eigene Ideen einbringen, weil sie viel zu oft für angeblich falsches Verhalten gerügt werden; ihre Kreativität wird geradezu unterdrückt. Für das, dass die Konditionierungsgegner eine Fremdbestimmung durch Konditionierung ablehnen, zeigt sich die Wirkung eben dieser bei gehemmt-eingeschüchterten Hunden besonders deutlich.

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Apportieren bringt man über operante Konditionierung bei. Macht es deshalb keine Freude? Oder ist ein Apport über positive Verstärkung gar schlechter als einer über „Persönlichkeit des Hundeführers“?

„Gemäßigte“ Hundeausbildung
Diese suggeriert, dass der Mittelweg der goldene ist. Dabei bedienen sich diese Menschen ganz bewusst aller Quadranten der operanten Konditionierung und behaupten, dass auch unschöne Konsequenzen zum Leben gehören. Das klingt zunächst logisch und kompromissbereit, in Wahrheit aber zielt diese Argumentation darauf ab, dass einer Erziehung oder einem Training, das auf Belohnungen basiert, aberkannt wird, sie/es setze Grenzen. Der Hund könne gar nicht lernen, mit Reibungen umzugehen, weil er nicht konfrontiert werden würde. Eine Ausbildung und Anleitung über betont positive Verstärkung sei quasi antiautoritär bzw. permissiv/laissez-faire.
Als Hundehalter bzw. -trainer greift man allerdings aktiv in die Entscheidungen des Hundes ein, auch wenn das über Clickern geschehen sollte. Der Hund erhält nicht nur Rückmeldungen auf gezeigtes Verhalten, sondern wird willentlich zum Zeigen eines bestimmten oder unbestimmten Verhaltens stimuliert. Aus diesem Verhalten kann ein Zielverhalten geformt werden oder aber es erhält keinerlei Bestätigung mehr. Grenzen werden dem Hund gesetzt, indem man ihm das gewünschte Verhalten beibringt und es als Regel etabliert. Auch wird der Hund mit stressauslösenden Reizen bekannt gemacht, allerdings versucht man innerhalb seiner persönlichen Leistungsgrenze zu bleiben und bevorzugt es, das Kennenlernen mit positiven Assoziationen zu verknüpfen. Dies beinhaltet meist eine adäquate Verhaltensweise zum jeweiligen Reiz: Der Hund lernt, wie er mit dem Stress umgehen kann, weil er nicht überfordert wird.
Diese Manipulation ist unumgänglich, wenn man Verhalten aktiv beeinflussen will, ganz gleich welche Art der Hundeerziehung man betreibt. Auch ein gemäßigter Trainer formt Verhalten, indem er Rückmeldung abgibt und Verhalten provoziert. Er bedient sich eben nicht nur der angenehmen Rückmeldung oder Stimulanz, sondern auch der unangenehmen. Er setzt meist Grenzen über Verbote.

Oft möchte sich der gemäßigte Hundeausbilder zusätzlich abheben, indem er die soziale Komponente anspricht, die er trotz Konditionierung nicht außer Acht lässt – er rät gerne zum Bauchgefühl.
Dabei entsteht eine gute Intuition genau dann, wenn Wissen die Basis ist. Mein Bauchgefühl mag sich nämlich gut und gerne mit meinem angehäuften Wissen verändern. Statt eines aggressives Abblocken am Essenstisch kann meine Intuition sich soweit verschieben, dem Hund beizubringen, wie er sich genau verhalten soll.

Viele gemäßigte Trainer sind aufgrund ihres (falschen) Wissens auch der Meinung, man müsse einen ängstlichen Hund ignorieren, um seine Angst nicht zu verstärken – das mache der Rudelführer instinktiv auch so. Obwohl bereits hinlänglich bekannt ist, dass dies nicht der Fall ist, beharren sie darauf. Hier setzt oft die Belief Perseverance ein. Überhaupt ist diese unleidliche  Debatte oft von Bestätigungsfehlern/Confirmation Biases bestimmt. Hier endet der Diskurs allzu oft und Spott und Hohn sind die Folge.

Das Schreckgespenst der Konditionierung bleibt als fahler Nachgeschmack zurück.

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Immer wieder hört man von der „Beziehung“ zwischen Hund und Halter. Eine angenehme Beziehung baut sich u.a. durch klassische Konditionierung auf. Weil der Hund sich gut in unserer Anwesenheit fühlt , z.B. durch Spiel, verstärkt sich die soziale Beziehung.

Eines aber wissen gerade gehirnwaschenden Clickertanten sehr genau: Gerade bei Angst ist der Social Support besonders wichtig. Deswegen ist das Argument, man würde den Hund zu irgendeiner Maschine degradieren, geradezu lächerlich.

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Der Nordische – Mythos und Wahrheit: Allgemeines

Sträflich habe ich hier mein virtuelles Schreibzimmer vernachlässigt. Das liegt zum einen daran, dass ich die Fotografie für mich entdeckt habe und viele Stunden am PC mit den Bildern verbringe oder aber nachlese und einfach nicht zum Schreiben komme, zum anderen mein letzter Pflegling, mit dem ich mich intensiv beschäftigen musste und jetzt einfach genieße, dass meine eigenen Hunde, mit all ihren Problemen behaftet, schon sehr von alleine laufen. Ich trainiere derzeit gar nichts weiter mit ihnen und merke, dass sie weder unausgelastet noch anderweitig gelangweilt erscheinen. Wenn etwas ansteht, dann werde ich auch gezielt wieder etwas auftrainieren, momentan begnügen wir uns mit „Verhalten einfangen“, wenn überhaupt.

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Akuma hatte durch die WM-Knallereien und Gewitter einen deprivationssyndrombedingten Rückfall gehabt, weil er von Stresshormonen geradezu geflutet wurde (und er hat natürlich nicht gemerkt, dass ihm die Knallgeräusche nichts tun!) – wir mussten es also ruhig angehen lassen und ein paar Dinge auffrischen, also positive Verknüpfungen stärken, die er eigentlich bereits beherrschte.

Missverstandene, nordische Schönheit
Mein letzter Pflegling, ein Mischling aus japanischem Akita und Siberian Husky, war eine andere Herausforderung. Mit nicht einmal einem Jahr war hier sein viertes Zuhause auf Zeit, das sagt deutlich aus, dass der Hund nun nicht problemlos war. Er wurde mir mit Kettenwürger und einem Seil, das als Leine fungierte, übergeben. Dort, wo die Kette auflag, war das Grannenhaar abgewetzt und abgebrochen, Fellverfärbungen inklusive. Der doch eher zierliche Junghund war bei weitem kein Akita-Kaliber, hat aber gezogen wie ein Bulle (wesentlich mehr als mein Malamute-Pflegling, der mehr Masse mitbrachte, damals). Er hat natürlich niemals gelernt, nicht zu ziehen. Durch den Kettenwürger wurde das noch verstärkt (Strichwort „Oppositionsreflex“).

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Ich nahm ihn gleich ans Geschirr und das Ziehen war etwas abgeschwächter. Ich nannte den Kerl „Sora“, japanisch für „Himmel“ – wegen seiner wunderschönen, stahlblauen Augen. Sein verwaschenes Rot mit erkennbaren Urajiro mit dem Körperbau des Akitas, aber der Zierlichkeit eines Huskys, machten ihn zu einer wahren Augenweide.
Die sogenannten „Huskitas“ haben Hochkonjunktur und sind eine grauenvolle Mischung, obwohls ie besondere Schönheiten sind.
Im besten Falle ruhige, wesensfeste Hunde, mit weniger Bewegungsbedürfnis als das eines reinrassigen Siberian Huskys, aber der Freundlichkeit und Verträglichkeit desselben, im schlechtesten Fall hingegen ein ständig unausgelasteter Halbakita, mit Artgenossenunverträglichkeit und einem sehr schwer zu kontrollierenden Schutzverhalten und ein Hund, der einfach nicht alleine bleiben kann.

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Sora lag dabei irgendwo dazwischen. Natürlich, er war ein Junghund ohne Regeln, er hatte sein Päckchen zu tragen und er war bisher bei Menschen gelandet, die sich dieser Rassemischung nicht bewusst waren. An sich passen diese Hundetypen gut zusammen, allesamt Nordische mit eigenem Kopf. Nun ist der Akita-Kopf aber ein anderer als der Husky-Kopf. Beide verweigern sich schnell, keine Frage, aber man muss Vertreter beider Rassen einmal vor sich gehabt haben, um zu verstehen, was ich meine.
Da ich mit den Shibas gesegnet wurde, habe ich bereits eine große Toleranz und davon profitierte Sora. Mir ging seine Hibbeligkeit und seine extreme Anhänglichkeit aber, offen gestanden,  dennoch sehr schnell auf die Nerven. Das war meine Hauptbaustelle.
Das Schlitzohr war aber super intelligent – sowohl Segen wie auch Fluch. Erlernt Dinge wie ein Blitz, Positives wie Negatives.

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Trotz allem, der Hund war ein ganz besonderer. Binnen von Wochen bauten wir seine Frustrationstoleranz gemeinsam auf, Vertrauen wuchs und er hatte ein unglaubliches Potential. Vermittelt wurde er an junge Leute, die den richtigen Ehrgeiz besaßen, aber wenig Erfahrung mit den Nordischen. Zusammen mit einer kompetenten Trainerin erarbeiteten sie sich nun den Traumhund, denn er hat geschickt die Unerfahrenheit und überschwängliche Liebe für sich genutzt. Gewieft, dieser Sora, der nun passenderweise Loki heißt.

Man züchtet solche Hunde aber bitte nicht gezielt, denn ihr Potential kann auch in die andere Richtung gehen, was passiert wäre, hätte man Sora nicht aufgefangen.
Er war der anstrengenste Pflegehund bisher, den ich hatte, trotz meiner Vorliebe für bissige Hunde.
Hätte ich die Möglicheiten gehabt, hätte ich ihn aber auch gerne behalten. Er war ein Charmeur, ein Müllschlucker, ein sportlicher, aber dennoch genügsamer Begleiter (2 Stunden Spaß & Spannung waren bisweilen sogar fast zu viel für ihn), liebesbedürftig und weniger eigenständig als meine Shibas. Er wollte durchaus gefallen, erzwingen konnte man dies aber keinesfalls.

Schon bei Yoma habe ich die nötige Gelassenheit gelernt, Akuma brachte mir Geduld auf einer neuen Ebene bei. Ich habe schon lange nicht  mehr den Anspruch, perfekt erzogene Hunde zu haben. Akuma darf ruhig beim Türklingeln bellen und mir sagen, dass da jemand ist. Yoma braucht bei Freilauf keine Anweisungen von mir, meine Pfleglinge müssen nicht auf Biegen und Brechen therapiert werden.

Die nordischen Hunde müssen auch nicht überbeschäftigt werden, wie ihr Ruf fälschlicherweise vermuten lässt.
Sie wollen qualitative Beschäftigung, Bewegung und ausgedehnte Ruhephasen, sowie individuelle Zuwendung. Sie müssen nicht zu Ausdauersportlern hochtrainiert werden, um glücklich zu sein.

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Der konditionierte Geschirrgriff: Aufbau

Vorwort:
Ich nutze für den Aufbau gerne ein Markerwort statt des Clickers, weil es ein bisschen einfacher ist, wenn man den Clicker nicht auch noch betätigen muss.

Ganz anders als der Name – „konditionierter Geschirtgriff – vermuten lässt, kann der Geschirrgriff auch am Halsband oder am „nackten“ Hundekörper auftrainiert werden. Habe ich so gemacht, weil „Geschirr anziehen“ für meine Hunde „Rausgehen“ bedeutet.

Wir trainieren mit dem Hund, damit er die Bewegungseinschränkung zulässt und das so schonend wie nur irgendmöglich. Theoretisch tricksen wir ein bisschen, wir verkaufen dem Hund diese Einschränkung als etwas Tolles. Das ist weder hinterhältig noch schlimm. Es ist nicht verwerflicher als den Hund an eine Bürste oder Krallenschere zu gewöhnen, die er doof findet.
Es gibt sensible Hunde, die eine solche Einschränkung als eine wirkliche Qual empfinden, bei ihnen darf man nicht einfach ins Geschirr greifen und Zug ausüben. Hier müsste man in kleinsten Schritten jede Annäherung an das Geschirr/Halsband/Körper markern und belohnen.
Wenn man wirklich sehr genau ist, ist es grundsätzlich natürlich schon ein Zufügen von etwas Unangehmen. Die Kunst liegt darin, dass der Hund das nicht so (stark) empfindet. Er wird doppelt über positive und negative Verstärkung belohnt, weswegen wir so ein tiefgreifendes Ergebnis bekommen.
Eigentlich sollte man sich den Geschirrgriff deshalb zeigen lassen – allerdings, wenn man sensibel und vorsichtig genug ist, kann man ihn alleine auch aufbauen.

Etwas ausführlicher hier bereits erklärt.

Ich gehe nun vom Normafall aus, also ein Hund, der mit Annäherung und einem kleinen Zug zurechtkommt.

1. Schritt:

  • Signal geben (Ich nutze „Stopp!“, ganz normal betont, ruhig aber deutlich gesprochen), ein wenig warten (ca. 2 Sekunden, damit Signal vom Verhalten deutlich getrennt wird, der Geschirrgriff soll später ja auch auf Entfernung funktionieren!), ins Geschirr/Halsband/an den Brustkorb greifen (am besten seitlich), kurzen Zug ausüben (es reicht bei einigermaßen empfindlichen Hunden, dass dieser wirklich kaum spürbar ist).
  • (Konditionierte Entspannung hier dazwischen schalten!)
  • Markerwort/Click!
  • Hochwertigste Futterbelohnung (positive Verstärkung)
  • Erst jetzt die Hand vom Hund entfernen (negative Verstärkung)

Sobald der Hund irgendeine Spur von Meideverhalten zeigt, z.B. er will weg, wendet sich ab, beschwichtigt oder sonst irgendein Unwohlsein, müssen je nach Hund kleinschrittig Annäherungen erfogen, die sehr hochwertig bestärkt werden. Der Hund darf niemals auch nur irgendwie gezwungen werden. Er muss dabei möglichst entspannt und motiviert mitarbeiten.

2. Schritt

  • Lässt der Hund sich dies gefallen und macht ihm das Spiel sogar Spaß, darf man noch einen Schritt weitergehen. Wie bei Schritt 1 verfahren bis zum Zug.
  • Nach dem Zug wartet man nun bis der Hund dann nachgibt. Manche bieten sofort ein Sitz an, viele aber verlagern ihr Gewicht, bitte den Hund gut beobachten.
  • Markern
  • Belohnen
  • Hand wegnehmen

(Schritt 3 – Umorientierung einbauen:
Nach dem Markersignal wird die Futterbelohnung so gegeben, dass sich der Hund zum Halter wenden muss. Das hat folgenden Sinn:
Nutze ich den Geschirrgriff als Unterbrecher im Aggressions- oder Jagdverhalten hilft das Umschauen zum Halter dabei, dem Auslöser zu „entkommen“)

Bei kleinen Hunden (meine sind zwar nicht Toy-Format, aber dennoch klein) würde ich vorschlagen, dass man sich am besten für den Anfang neben sie kniet. Ich habe mich seitlich positioniert und das Futter auch präsentiert. Ich weiß nicht, ob das Fachleute so empfehlen würden, aber Futter ist ein guter Außenmotivator. Auch wen Akuma, für den ich den Geschirrgriff überhaupt gebraucht habe, zur rückgerichteten Aggression neigt, war der Aufbau im Haus für ihn kein Problem. Bei ihm ging die ganze Sache sehr schnell, wenn ich so zurückschaue.

„Zug“:
Auf gar keinen Fall darf ich am Hund ziehen im Sinne von rucken/zerren. Der Hund soll selbst das Gewicht verlagern, deshalb nicht wild nach oben ziehen.
Schritt 1 ganz wichtig! Ich gebe einfach einen Impuls, damit der Hund spürt, dass ich da etwas tue. Keinesfalls darf man dies mit einem Ruck verwechseln. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Wie beim Ziehen an der Leine. Ziehe ich zurück, wird der Hund nach vorne zerren. Sowas ist nicht mit „Zug“ gemeint. Es kommt auch auf den Hund an, wie stark ich diesen Zugimpuls gebe. Für Akuma hat eine leichte Andeutung nach hinten (ich kniete auf Höhe seiner Schulter neben ihm, mein Körper ebenso seitlich) gereicht. Ich markere in Schritt 1 NUR dass ich an ihm „ziehen“ darf, aber lasse NICHT los. Erst wenn er die Futterbelohnung erhalten und heruntergeschluckt hat, nehme ich meine Hand weg.
Er fand das Spiel nach zwei Mal schon toll, aber er ist megaverfressen und findet alle Spiele, die ich in der Wohnung anfange toll. Er ist mit Futter in reizarmer Umgebung für fast alles zu bekommen.
Bereits beim dritten Mal hat er sein Gewicht von alleine zurückgenommen. Nach ca. zwei Tagen hat er alles von alleine ausgeführt (in der Wohnung, draußen ist es eine andere Geschichte).

Akuma mit dem Zug auf den Körper, aufs Halsband und aufs Geschirr (Ich denke doch, das man deutlich sieht, dass der Hund dabei entspannt ist, gerade beim Shiba sind die deutlich nach vorne geklappten Ohren ein Indiz. Vielleicht erneuere ich die Bilder, weil der Blitz den Hund schon ein bisschen gestört hat.)
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Der Geschirrgriff kling spektakulär. Allerdings sieht man ihn in der Ausführung fast gar nicht. Wenn man sich Videos davon anguckt, wird man feststellen, dass man eigentlich kaum etwas „geboten bekommt“. Ein erregter Hund, der mittels einem Signal sich kurz zurücknimmt, wenn man es überhaupt sieht. Nur der Halter selbst weiß, wie der Hund nicht mehr zu bändigen wäre, wenn man dieses Werkzeug nicht hätte bzw. kann den Hund gefahrlos anfassen.
Hier ist aber ein gutes Beispiel wie er wirken kann.

Der konditionierte Geschirrgriff: Richtigstellung

Wie man ihn aufbaut, folgt vielleicht demnächst, aber da es so oft in Diskussionen vorkommt, dass der Geschirrgriff eben nicht so ganz verstanden wird, tippe ich es hier nieder, um es ggf. einfach zu verlinken.

Behauptung: Der Geschirrgriff sei aversiv
Streng genommen: ja. Man fügt einem Hund eine Bewegungseinschränkung zu, die zumeist als unangenehm empfunden wird.
Der Kniff an der Sache ist, dass man es so aufbaut, dass der Hund diese Einschränkung zulässt. Im Grunde genommen ist es also nicht anderes, als den Hund an eine Bürste oder ein Bad zu gewöhnen, oder sonst etwas, das er nicht mag.
Da der Geschirrgriff sowohl über negative Verstärkung als auch positive Verstärkung aufgebaut wird, ist er so stark und unterscheidet sich dadurch von einem  „normalen“ Abbruchsignal. Auch lässt sich so ein Hund anfassen, der dies in bestimmten Situationen nicht so einfach zulässt (z.B. wenn er zur rückgerichteten Aggression neigt). Der Geschirrgriff ist keine Therapie, er soll nicht zur Verhaltensänderung führen, sondern ist ein Werkzeug, um den Hund ansprechbar zu machen bzw. ein sehr zuverlässiger Verhaltensunterbrecher, also in den meisten Fällen ein „Notfall-Tool“, d.h. wenn das Management versagt und ich einen tobenden Hund irgendwie bändigen muss. Kombinierbar mit Umorientierungssignalen, U-Turn, Zeigen & Benennen oder, oder, oder.

Anders als der Name nämlich vermuten lässt, ist es kein bloßer Griff ins Geschirr, das wäre tatsächlich ein deutlicher Aversivreiz. Der Geschirrgriff kann am Halsband oder am nackten Hundekörper auftrainiert werden, auch soll er später auf Distanz und ohne Berührung funktionieren.

Je empfindlicher der Hund bei der Bewegungseinschränkung ist, desto kleinschrittiger muss man ihm die Sache als etwas Tolles verkaufen. Unangenehm kann durchaus der angewandte Zug wirken, ansonsten gäbe es keine negative Verstärkung. Irgendwas muss ja negativ verstärkt werden.
Deshalb kann man zur Abdämpfung auch eine konditionierte Entspannung dazwischen schalten, um den Hund zu unterstützen.

Es ist daher ratsam, sich Gedanken zu machen, ob man den Geschirrgriff überhaupt braucht, auch sollte man ihn sich unbedingt vorführen lassen – denn schon beim „Zeigen & Benennen“ fallen mittlerweile gravierende Aufbaufehler bei Laien/Autodidakten auf. Der Geschirrgriff ist durch Bewegungseinschränkung und Zug noch ein bisschen heikler.

Eine kleine Randnotiz am Schluss:
Der Geschirrgriff zeigt übrigens eindringlich, warum positive Strafe und positive Verstärkung nicht in der Kombination benutzt werden sollten. Die positive Verstärkung führt gut und gerne zur Abmilderung der positiven Strafe oder aber zur Abstumpfung gegenüber des Aversivreizes.
Wer also glaubt, er wäre besonders fair und klar, wenn er einerseits positiv straft und andererseits (eher dilettantisch) positiv verstärkt, der ist auf dem Holzweg.

Situationen managen.

Der Begriff wird von sehr vielen Leuten komplett missverstanden. Man verkauft eben nicht alles, was irgendwie Gewalt beinhaltet als Management, um sich als die besseren Menschen zu fühlen!
Bei Notfall- oder Gefahrenmanagement kann ein Aversivreiz sicherlich vorkommen, wie das Festhalten der Leine oder ein Weiterziehen.
Das sind Dinge, die wir gar nicht diskutieren wollen, komplette Gewaltfreiheit im Gesamtumgang ist unmöglich.
Fällt mich ein Hund an (die Formulierung ist reine Absicht!), dann darf ich mich auch gerne verteidigen. Fürs Training sieht es schon anders aus, das ist und bleibt vor allen Dingen belohnungsbasiert.

Was ist also Management genau?
In erster Linie ist es eine Liste an Maßnahmen, damit der Hund nicht mehr in die Situation kommt, in der er unerwünschtes Verhalten zeigen kann. Ich umgehe Situationen gezielt, ich halte Abstand, ich sichere durch Schleppleine oder Maulkorb. Ich handle vorausschauend und verantwortungsbewusst, weil ich meinen Hund nicht einfach in eine Situation knallen lasse, die er nicht meistern kann. Passiert es doch, sollten alle Beteiligten auch wieder heil aus der Sache kommen. Und künftig bemühe ich mich, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Warum brauche ich Management?
Weil der Nachteil des belohnungsbasierten Trainings nun einmal ist, dass man ohne auftrainierte Signale und Werkzeuge nicht sonderlich weit kommt. Übrigens ist das auch bei strafbasiertem Training so, zumindest wenn man auf die positive Strafe blickt. Beides funktioniert erst dann adäquat, wenn es eine Vorbereitungszeit durchläuft.
Der spontane Körperblock ist mehr oder minder unwirksam, um Verhalten auf Dauer zu beeinflussen. Es sei dann, man sieht „auf Dauer“ als Dauerhemmen, oder man straft so heftig, dass das Verhalten ausstirbt.
Nachhaltigkeit wird dadurch also eher nicht erreicht. Sowohl die positive Verstärkung, als auch die positive Strafe können ihr Potential erst entfalten, wenn sie auch in akuten Situationen wirken: Dazu müssen sie konditioniert und generalisiert werden.

Warum verzichte ich dann überaupt auf positive Strafe?
Weil sie quasi gar nicht richtig angwendet werden kann. Selbst wenn mein Timing stimmt, ich einen Strafreiz konditioniert habe, wirklich IMMER (und ohne Ausnahme) strafe, sobald das unerwünschte Verhalten auftritt und eine Alternative einfordern kann bzw. dem Hund die Möglichkeit gebe, den unangenehmen Folgen auszuweichen, kann ich nur schwer gewährleisten, dass der Hund die Strafe nicht mit mir verbindet.
Und da die korrekte positive Strafe genauso viel Vorbereitung wie die positive Verstärkung braucht, wähle ich natürlich die für den Hund und mich angenehmere Variante.

Spontan angewandte positive Strafe ist sicherlich verständlich und auch zu verzeihen, sofern man damit eben keine Verhaltensänderung herbeiführen möchte. Auch ein einmaliges „Nein“ ist nachvollziehbar und schädigt normalerweise nicht das Vertrauen.

Deshalb Management!
Bis ich meine Werkzeuge der positiven Verstärkung voll nutzen kann, greife ich eben auf bestimmte Strategien zurück. Das ist durchaus auch Arbeit. In dieser Phase kann der Hund sogar die Lernerfahrung sammeln, das er eben nicht mehr sämtlichen Reizen ausgesetzt wird und wird vielleicht ein Stückchen zugänglicher.

Und was ist mit negativer Verstärkung und negativer Strafe?
Beide sind spontan durchaus einsetzbar. Negative Verstärkung als funktionaler Verstärker, wenn der Hund beispielsweise ausweichen möchte und negative Strafe, wenn die Konsequenz logisch ist. Spiele ich mit meinem Hund so wild, dass er hochdreht, beende ich das Spiel, auch um ihn die Möglichkeit zu geben, wieder herunterzukommen. Das Spiel kann dann ruhiger fortgesetzt werden.